Seit 2026 gilt in der Schweiz ein neues ambulantes Tarifsystem. Ziel war es, die Abrechnung medizinischer Leistungen effizienter und transparenter zu gestalten. Ein zentrales Element dieser Reform sind ambulante Pauschalen, bei denen mehrere Leistungen zu einem festen Betrag zusammengefasst werden.
Die Veränderung betrifft nicht nur Verrechnungswege – sie wirkt sich auch auf Versorgungspfade aus. Besonders dort, wo Diagnostik komplex ist und qualitativ von schonenden, minimalinvasiven Verfahren abhängt.
Was wurde geändert?
Vor der Reform wurden einzelne Leistungen separat vergütet. Das neue System setzt stärker auf Pauschalen.
Theoretischer Vorteil:
• weniger Administratives
• einfachere Abrechnung
• klarere Kostensystematik
Herausforderung in der Praxis:
• nicht alle medizinischen Verfahren sind vergleichbar
• komplexere Eingriffe werden pauschal gleich vergütet wie einfachere
• Qualität und Aufwand sind im Tarif nicht immer abgebildet
Damit entsteht eine Lücke zwischen medizinischer Differenzierung und tariflicher Vereinfachung.
Warum betrifft das die Brustdiagnostik besonders?
In der Brustabklärung spielt die Wahl des Verfahrens eine zentrale Rolle.
Die Vakuum-Biopsie – ein minimalinvasives, etabliertes Verfahren – ermöglicht präzise Diagnostik, häufig ohne Operation. Sie reduziert Belastung, verkürzt Erholungszeit und kann unnötige invasivere Eingriffe vermeiden.
Wird ein solches Verfahren jedoch tariflich nicht wirtschaftlich abbildbar, verändert das, welche Optionen im Alltag angeboten werden können.
Das bedeutet nicht, dass die Methode verboten ist. Aber sie wird seltener angewendet – weil sie sich für viele Einrichtungen wirtschaftlich nicht mehr trägt.
Für Patientinnen kann das konkret heißen:
• häufiger operative Abklärungen mit Narkose
• längere Erholungszeiten
• sichtbare Narben statt minimalinvasivem Zugang
• mehr Belastung in einer ohnehin sensiblen Situation
Ein Blick in die Realität
Veränderungen in der Vergütung wirken sich schrittweise im Versorgungsalltag aus.
Ein etabliertes, medizinisch sinnvolles Verfahren wird weniger angeboten, weil es wirtschaftlich nicht mehr tragfähig ist. In der Folge erfolgt die Abklärung häufiger operativ statt minimalinvasiv.
In der Summe bedeutet das: weniger Wahlfreiheit für Frauen.
Die Kernfrage
Es geht nicht darum, ob die Reform grundsätzlich richtig oder falsch ist. Entscheidend ist, ob medizinische Expertise bei der Ausgestaltung der Vergütung ausreichend berücksichtigt wurde. Tarife sollten Versorgung abbilden – nicht steuern.
Eine Reform ist dann tragfähig, wenn sie:
• medizinische Vielfalt realistisch abbildet
• Qualität nicht unbeabsichtigt benachteiligt
• Patientinnenbedürfnisse berücksichtigt
• nach Einführung beobachtet und gegebenenfalls angepasst wird
Was es dafür braucht
• Einbindung von medizinischer Expertise in Entscheidungsprozesse
• Pauschalen, die Unterschiede zwischen Verfahren berücksichtigen
• Transparenz über Auswirkungen im Versorgungsalltag
• Monitoring und Möglichkeit zur Nachjustierung
Breast.Forward sieht die Reform als wichtigen Schritt und gleichzeitig als Anlass, genau hinzuschauen, wo Anpassungen notwendig sein könnten, um Schonung, Qualität und Wahlfreiheit für Frauen zu erhalten.